Archiv für September 2011
Kurzanalyse Euroanleihen (Eurobonds)
von Aeneas Weckenmann
Euroanleihen
Euroanleihen (auch „Eurobonds“ genannt) sind Anleihen, die von der EU verkauft werden und über die sich die Mitgliedsstaaten einheitlich refinanzieren können. Alle Mitgliedsstaaten haften gemeinsam. Das müsste dazu führen, dass die Risikoprämie für eine solche Anleihe dem gewichteten Mittel sämtlicher Schulden und den damit verbundenen Risiken der Mitgliedsstaaten entspricht. Das würde einen Zinssatz zur Folge haben, der z. B. höher ist, als der einer französischen Anleihe, aber niedriger, als der einer griechischen Anleihe. So können sich ein Teil der Staaten zu Ungunsten anderer (diese haften) günstiger refinanzieren. Das hat effektiv eine Subventionierung von schwachen Staaten durch starke zur Folge. Hinzu kommt, dass auch stärkerer Staaten für ihre Refinanzierung höhere Zinsen zahlen müssen, da sie Bonität an schwächere Staaten verlieren. Der Zins würde sich höchstwahrscheinlich wegen der Bonitätsmittlung an den der Euro-Anleihen anpassen.
Euroanleihen vereinfachen die bereits bestehenden Subventionierungsmaßnahmen, die von Seiten starker EU-Staaten durchgeführt werden, geringfügig. Die Refinanzierung viele schwächelnden Staaten wäre automatisiert, sie müssten nicht auf die Erstellung weiterer Rettungspakete der Geberländer warten, sollten die Konditionen am Geldmarkt weiterhin zu ungünstig für schwächelnde Staaten sein.
Risiken
Gefahren ergeben sich, wenn schwächelnde Staaten den Anreiz verlieren, vorsichtiger mit der Schuldenaufnahme umzugehen. Wächst der Gesamtschuldenstand der EU-Staaten dadurch überproportional zum Gesamtbruttoinlandsprodukt, wird die Belastung der finanziell sicherer aufgestellten Staaten ungleich größer, weil Investoren mit entsprechend höherer Risikoprämie (sowohl bei den Euroanleihen, als auch bei den nationalen Anleihen starker Staaten. Die Bonitäten gleichen sich an) reagieren werden und der von starken Mitgliedern aufzufangene Zahlungsausfall schwächerer Staaten wahrscheinlicher wird. Ist ein solch unvorsichtiges Verhalten – und damit das Wachsen der Schulden der EU auf bsw. ein griechisches Niveau – von vorne herein abzusehen, wird überhaupt kein Risikoprämienmittelwert entstehen, sondern ein Wert, der der schlechtesten Bonität innerhalb der EU-Staaten entspricht. Das ist unwahrscheinlicher, da in einem solchen Fall der Druck, die Haushalte zu konsolidieren innerhalb der EU von stärkeren auf schwächeren Staaten deutlich wächst.
Vorteile
Unter der Annahme, es sei sinnvoll, dass sich EU-Staaten gegeneinander helfen, ist eine Euroanleihe hilfreich, da sie geringfügig unbürokratischer ist, als eine regelmäßige Neuauflage von Hilfsmaßnahmen. Es werden Transaktionskosten eingespart.
Kritik
Sämtliche Staaten, die in einer finanziellen Misere stehen, haben dies selbst zu verantworten. Sie weisen durchweg schlechte Einnahmen- und Ausgabenkontrolle, sowie vielfach überbordende Bürokratie auf – Dies trifft im Übrigen auch auf „starke“ EU-Staaten zu. Natürlich kann man ihnen helfen, aber ich würde nicht ohne angemessene Vergütung und ein Mitentscheiderecht beim Einsatz der Gelder helfen wollen. Diese „angemessene“ Vergütung für das Risiko, schwächelnden Staaten zu helfen, ergibt sich aktuell aus dem Preis einer Anleihe und dem Zins, der für die Anleihe gezahlt wird. Ein Beispiel: Bekommt ein Investor nach Ablauf von einem Jahr 8 % Zins und 100 % der Anleihe zurück bezahlt, möchte aber zu Beginn dieses Jahres nur 90 % des Wertes einer Anleihe zahlen, weil er ein großes Risiko mit dem Kauf verbunden sieht, so beträgt die mögliche Rendite 20 %. Wenn die 20 % nach seiner Einschätzung angemessen sind, so wird, er, wenn ein anderer ihm die Anleihe für bsw. 88 % des Basiswertes verkaufen möchte, beherzt zugreifen. Haben Politiker starker Länder Möglichkeit, sich mit den Führungschefs der schwächelnden Länder an einen Tisch zu setzen und tragfähige Konzepte zu erarbeiten, die das Risiko von einer Staatspleite erheblich reduzieren, so spricht nichts dagegen, dass diese Politiker einen Fonds eröffnen, Gelder einwerben und investieren. Müssen sie allerdings Gelder erzwingen, wie es mit Steuergeldern der Fall wäre und treffen auch noch Entscheidungen zu den Investitionsbedingungen, die andere Bürger und ich nicht wollen, so erachte ich das als äußerst kritisch! Ebenso spricht nichts dagegen, dass sich größere Investmentfonds mit Politikern schwächelnder Länder zusammensetzen und entsprechende Konzepte zur finanziellen Gesundung der Staatsfinanzen entwerfen.
Gesetzlicher Zwang bei Investitionsentscheidungen
Hinzu kommt noch ein wichtiges Problem: Viele große Fonds von Versicherungen und Pensionskassen sind gesetzlich gezwungen, ihre Investitionsentscheidungen an den Bewertungen dreier us-amerikanischer und einer kanadischen Risikobewertungsagenturen auszurichten. Entscheiden diese vier, bestimmte Staatsanleihen abzuwerten, dürfen Versicherungen und Pensionskassen solche Anleihen nicht mehr kaufen. Dem Anleihenmarkt wird somit gesetzlich sehr viel Liquidität entzogen, obwohl vielleicht einige Risiko-Managements in den Versicherungen und Pensionskassen durchaus Möglichkeiten sehen, in diese Staaten zu investieren. Man muss sich auch im Klaren sein, dass es nicht gesichert ist, dass diese Bewertungsagenturen unabhängige Entscheidungen treffen und selbst wenn sie es tun, es die richtigen sind. Märkte, auch die Kapitalmärkte, funktionieren nicht nach zuverlässigen Wahrscheinlichkeitsrechnungen und hundertprozentigen Sicherheiten. Eine Absolution bestimmter Marktteilnehmer mittels Gesetz durch Politiker, die nicht unbedingt mehr vom Kapitalmarkt verstehen, als unzählige risikobewusste professionelle Investoren, ist willkürlich und äußert fragwürdig – Dementsprechend auch die Gedanken zu einer „unabhängigen europäischen Bewertungsagentur“, die nicht nach Profitmaßstäben kalkulieren möge.
Fazit
Ich halte es für unangebracht anderen Menschen und mir Geld mit Gewalt abzunehmen (Steuern), um die Investitionsideen von Politiker zu finanzieren. Die Probleme der verschiedenen Staaten sind aus meiner Sicht als Amateur sehr deutlich, lösbar und ich frage mich, wieso nicht schon lange eine Reihe namhafter internationaler Beratungshäuser Schlange stehen, um Aufträge von schwächelnden EU-Staaten zu erhalten und gemeinsam mit interessierten Fonds aus den schwächelnden Staaten interessante Investitionsobjekte machen zu wollen.
Anmerkung
Warum viele Politiker nach Meinung vieler Volkswirte (und meiner Amateurmeinung inklusive) nicht sinnvoll mit dem Problem schwächelnder Staaten umgehen, Rettungspakete entwickeln und über Euroanleihen nachdenken, ist relativ offensichtlich:
Die Idealvorstellung eines demokratischen Staates in den Köpfen vieler Menschen ist, dass jeder Bürger im Staat eine Stimme hat und damit Politiker wählt, die allein ihren Wählern verpflichtet sind. Beauftragt vom Wähler versuchen sie für diesen bestmögliche Politik zu machen (auch wenn das eventuell ein Abschaffen jedweder Politik bedeuten kann). Die Realität sieht allerdings anders aus. Gesetze sind in der Realität für den geschickten Unternehmer lediglich Investitionsrisiken. Es gibt eine Institution (z. B. ein Nationalstaat) mit begrenzter Macht, die sagt, wie etwas zu geschehen hat. Innerhalb dieser Institution sitzen wiederum beeinflussbare Menschen, die sich gegenseitig innerhalb der Legislaturperiode, wenn sie den Regeln der Institution zuwiderhandeln, bestrafen können. Ist es einem Unternehmer möglich, mit direkten Bestechungsgeldern, Sachleistungen (man bedenke bsw. die kostenfreie Versorgung mit Limousinen von Abgeordneten), Aufsichtsratsposten oder einer tendenziösen Informationsatmosphäre leitendende Personen in dieser Institution ungesehen oder toleriert zu seinen Gunsten zu beeinflussen, besteht die Möglichkeit, dass Gesetze zum Vorteil des Lobbyisten angepasst werden oder Zuwiderhandlungen bestimmter Gesetze übersehen werden. Natürlich muss das bestochene Mitglied der Institution Strafe fürchten, doch sind die internen Kontrollorgane nicht perfekt, was gewisse Lücken (mit Risiken) lässt. Diese Risiken haben einen Preis, dessen Höhe mindestens die der Lobbykosten entspricht. Lohnt sich der Einsatz, wird er getätigt.
Die Profiteure der Rettungsbemühungen sind auf erste Sicht die angeschlagenen Staaten, auf zweite Sicht aber die Finanzinstitutionen, die von der Absicherung durch staatliche Bürgschaften oder direkten Verkauf der Anleihen an die sichernden Staaten profitieren und Unternehmen, die in Griechenland einen lukrativen Absatzmarkt (finanziert durch Schulden) haben. Direkte Beweise für erfolgreichen lobbyistischen Einfluss fehlen mir, der exzessive Umgang zwischen Politikern und Managern der Privatwirtschaft ist allerdings ein recht deutliches Indiz.
Daraus leitet sich ab, dass letztendlich (mit anderen) ich an der Misere schuld bin – als Steuerzahler und Wähler. Ich lasse es schließlich zu, dass mir Geld zu Gunsten größerer Finanzinteressen aus der Tasche gezogen wird. An einer Lösung bastle ich noch, freue mich aber über Hilfe.